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Wasser für Indien

Mitternacht, 11. November 2017. Zwei Studentinnen setzen sich aufgeregt ins Auto, fahren los zum Flughafen, um dort früh am Morgen in ein Flugzeug zu steigen und ihre zweiwöchige Reise ins warme Indien anzutreten. Der Flug erwies sich dank zweier Umstiege und sechs Stunden Aufenthalt in Mumbai als anstrengender als erwartet. Nach weiteren vier Stunden Autofahrt sind wir nach insgesamt 24 Stunden Reisezeit endlich in Chilakaluripet angekommen.

Nach dem ersten Treffen mit den indischen Mitarbeitern bei AMG erkannten wir schnell, dass das ganze Projekt komplizierter werden würde als anfangs gedacht. Die Kommunikation erwies sich als schwerfällig, da der indische Akzent für Europäer schwer zu verstehen ist, so wie die Inder an unser Englisch nicht gewöhnt sind. Auch Gesten wie das Kopfschütteln, das in Indien sowohl ja als auch nein bedeuten kann, haben anfangs für Verwirrung gesorgt. Nach einigen Tagen hat man sich jedoch immer mehr aneinander gewöhnt und die Verständigung fällt zusehends leichter. Zu dieser Zeit haben wir dann so richtig losgelegt mit unserer Arbeit, da die Reise ja kein Urlaub werden sollte. 

Dazu eine kleine Erklärung: Die deutsche Organisation Wort und Tat e.V., von Dr. Heinz-Horst Deichmann gegründet (ja, der, dem der Schuhladen gehört), unterstützt seit rund 40 Jahren Bedürftige weltweit. Es werden verschiedenste Projekte geleitet und finanziert, mit denen die Ärmsten der Armen vor allem in Indien und Afrika unterstützt werden. So konnten in den vergangen 20 Jahren viele Schulen, Krankenhäuser, Altenheime und Brunnen zur Wasserversorgung gebaut werden. Ein Partner der deutschen Stiftung ist AMG India International, auf dessen Campus wir zu Gast waren. Eine christliche Organisation, die im Bundesstaat Andhra Pradesh eine Vielzahl von Projekten leitet, beispielsweise Trinkwasserversorgung, Infrastruktur, Schulen und Ausbildungsstätten, Waisenhäuser, etc. 

Wort und Tat finanziert schon seit Jahren Projekte von AMG, darunter auch zahlreiche Brunnen, die in ländlichen Gegenden um die Stadt Chilakaluripet, dem Hauptsitz von AMG, gebaut werden. Allerdings kommt es immer häufiger vor, dass Brunnen austrocknen, was auf ein sinkendes Grundwasserniveau schließen lässt, was auch durch Messungen bestätigt wird. Anstelle weitere, tiefere Brunnen zu bohren, hat Wort und Tat beschlossen, eine Lösung muss her, um dem Problem entgegen zu wirken. Und über gemeinsame Kontakte zu Huber Technology kamen wir ins Spiel und zu unserem Thema für die Bachelorarbeit.

Schon im Vorfeld haben wir uns Methoden überlegt, wie diese Aufgabe gelöst werden könnte. Als wir in Indien ankamen, haben wir allerdings vieles über den Haufen werfen müssen, da ganz andere Bedingungen herrschen, als wir angenommen hatten. Wir mussten anfangen, zu improvisieren und uns einen neuen Plan zurechtlegen. Wichtig war es, viele Daten über Wasserverbrauch, Wetter, Grundwasserspiegel und auch Wasserqualität zu sammeln, um in Deutschland damit arbeiten zu können. 

In den ersten Tagen haben wir uns einige Dörfer angesehen, aus denen wir uns zwei ausgesucht haben. Die Idee ist, genaue Daten zu bekommen und speziell für diese Orte Lösungen zu entwickeln, die dann auf andere Gegenden übertragen werden können. 

Als erstes wurde ein von uns angefertigter Fragebogen auf Telugu übersetzt, sodass wir mit Hilfe von fünf fleißigen AMG Mitarbeitern in beiden Dörfern Interviews mit den Dorfbewohnern durchführen konnten. Am Ende hatten wir eine große Menge an Material zum Auswerten vorliegen. Es wurde beispielsweise der Wasserbedarf abgefragt, wer sich um die Beschaffung kümmert und wofür das Wasser verwendet wird. 

Um den Wasserverbrauch in den Dörfern abzuschätzen, wurden die Dorfbewohner beauftragt, eine Strichliste zu führen. Der Plan war, dass jeder, der einen Eimer Wasser von den Brunnen holt, einen Strich auf unserer Liste macht, und wir nach 24 Stunden den Tagesverbrauch des Dorfes berechnen können. Außerdem haben wir von allen öffentlichen Brunnen Wasserproben genommen, die in der nächstgrößeren Stadt, Guntur, in einem Labor auf biologische und chemische Parameter hin untersucht wurden. Geplant ist es, eine Aquifer Recharge-Anlage für diese beiden Dörfer auszulegen, welche die über das Jahr aus dem Boden entnommene Wassermenge wieder zurückführt. Dafür wird eine offene, unversiegelte Fläche mit entsprechender Größe ausgewählt, an deren tiefster Stelle eine Versickerungsanlage gebaut wird. Das in der Regenzeit in großen Mengen vorhandene Wasser kann somit schneller und gezielter in den Boden zurückgeführt und die Grundwasserspeicher wieder gefüllt werden. Ein ähnliches Projekt in derselben Region hat die Funktionsweise der Anlage bereits bewiesen. Hier konnte der Grundwasserspiegel wieder auf ein natürliches Niveau angehoben werden.

Während des gesamten Aufenthaltes wohnten wir auf dem AMG Campus, auf dem es neben Elementary School, High-School, College, Ausbildungsstätten und Altenheimen auch die Unterkünfte für die Schülerinnen und Schüler gibt. Immer wenn wir über den Campus liefen, wurden wir von einer begeisterten Menge von Kindern umringt, die uns in Gespräche verwickelten oder uns zum Spielen einluden. Auch dass die Inder einen Hang zum Emotionalen und ein gewisses Mitteilungsbedürfnis haben, war für uns ungewohnt. 

An den Abenden haben wir viel Zeit mit den Mädels in deren Schlafsaal verbracht, wir haben viel gequatscht, neue Spiele gelernt und sehr viel gelacht. Sie haben uns erzählt, wie sie leben, was sie dank der Ausbildung bei AMG später mal werden möchten. Auffällig war, dass jedes der Mädchen schon früh eine genaue Vorstellung von ihrem späteren Berufsleben hat. Auf der anderen Seite haben sie uns aber auch erzählt, dass sie später einen Mann heiraten werden, den ihre Eltern bestimmen, und der entscheidet, ob sie weiterhin berufstätig sein dürfen oder nicht. Für uns hier in Europa kaum vorstellbar, in Indien dagegen vor allem in den ländlichen Gegenden Normalität. So begeistert wie wir waren, mehr über die indische Kultur und Lebensweise zu lernen, waren es auch die Schüler, wenn wir von Deutschland und Europa erzählt haben.  

Natürlich haben wir auch die allgemein bekannte Freundlichkeit und Herzlichkeit der Inder erlebt. Für unseren Aufenthalt wurde sehr viel Aufwand betrieben. Wir wurden indisch bekocht, konnten den Unterricht miterleben und Lehrer sowie Schulleiter kennen lernen. Uns wurden die verschiedenen Projekte gezeigt, die in den letzten Jahren aufgebaut worden sind. Aber auch kulturelle und kulinarische Besonderheiten durften wir miterleben. So haben wir einen Tempel auf einem Berg besichtigt und am Straßenrand Kokoswasser aus einer Kokosnuss getrunken. Die Ausflüge auf den lokalen Markt mit seinen vielen verschiedenen Gerüchen und der Farbvielfalt der Obst- und Gemüsestände waren jedes Mal ein Ereignis, weil man auf die gelegentlich vorbeikommenden Kühe achten musste, die in Indien heilig sind und deswegen oft bunt bemalt und geschmückt frei herumlaufen.  

Trotz ihrer wenigen Dinge, die die Schüler auf dem Campus in kleinen metallenen Kisten in den großen Schlafsälen aufbewahren, waren wir beeindruckt, wie selbstlos die Kinder ihre Sachen mit ihren Mitschülern, die eher wie Geschwister sind, teilen. Auch wir wurden sofort als Schwestern aufgenommen und großzügig beschenkt. Besonders gut haben uns die traditionellen indischen Gewänder gefallen, die wir begeistert getragen haben. 

Der Abschied nach unseren zwei Wochen fiel uns deshalb auch ziemlich schwer. An unserem letzten Tag wurden wir noch groß verabschiedet mit vielen, vielen Blumensträußen, Gebeten und Gesang der Schüler aus allem Klassenstufen. Wieder zurück in Deutschland machen wir uns daran, unsere Bachelorarbeit zu verfassen und Lösungen für das Absinken des Grundwasserspeigels zu finden, um den Menschen die Hilfe zukommen zu lassen, die sie dringend brauchen. 

Jasmin Wagner und Theresa Magula, Studentinnen der Umwelttechnik im 7. Semester

Jasmin Wagner

Theresa Magula

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