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Indo-German Summer School mit Nico Schmidt

| Nico Schmidt | Indien

Als wir in Mithradham, dem Schulungszentrum ankamen, war es für viele deutsche Studierende erst einmal ein Kulturschock. Kein fließend warmes Wasser, kein Toilettenpapier. Zudem war das Wetter zu Beginn sehr regnerisch. Daher war die Stimmung auch etwas gedrückt. Dann, am ersten Tag, haben wir die indischen Studenten kennengelernt. Hier war die Stimmung nun schon deutlich besser. Jeder freute sich auf das gegenseitige Kennenlernen und war gespannt, wie die anderen jungen Heranwachsenden so leben und ihr Universitätsleben ist. Da die indischen Studenten zu Beginn etwas schüchtern waren, lockerten die darauffolgenden Vorlesungen über das Indische Energiesystem die Situation etwas auf. Das Ziel der Woche war, möglichst viel über das indische Versorgungsnetz zu erfahren, die genauen Problemstellungen in Indien kennen zu lernen und in erster Linie den Fahrplan hin zu einem Indien, welches den Strom zu 100 % aus erneuerbaren Energien gewinnen will, erklärt zu bekommen.

Allgemein ging es auch um die Frage, wie viel Energie man mit herkömmlichen Rohstoffen produzieren kann und wie beide Länder voneinander lernen können, um ein nachhaltigeres Leben zu ermöglichen. Neben Inselsystemen wie Mini- und Makrogrids wurden auch Potentiale und Risiken im Energiesektor erläutert. Auch politische Entscheidungen wurden genau erklärt und in der Gruppe diskutiert. Ein großes Problem beispielsweise sind Stromausfälle. In Indien ist dies ganz normal. Das Netz ist nicht stabil und im Durchschnitt gibt es am Tag im besten Fall 15 Minuten keinen Strom. Es gibt jedoch auch Gegenden, die nur drei Stunden am Tag mit Strom versorgt werden können. Die Notwendigkeit sichere Versorgungssysteme zu gewährleisten ist wirklich bedeutend für die zukünftige Entwicklung Indiens.

In der Mittagspause zu Café und Keksen unterhielt man sich dann wieder untereinander und konnte sich langsam näher kennenlernen. Da die indischen Studenten bereits um 18 Uhr wieder die Heimfahrt antreten mussten, war jedoch der persönliche Austausch am Abend nur noch unter den deutschen Studierenden möglich. Auch diese Zeit wurde genutzt, um Ideen und Visionen zu gestalten, wie man in Zukunft leben kann. Hieraus entwickelte sich dann die eigentliche Projektaufgabe zwischen den indischen und deutschen Studenten: Zwei Gruppen sollten jeweils ein indisches und ein deutsches Dorf mit festgelegten Parametern betrachten und herausfinden, wie man hierbei in ökologisch sinnvoller Weise einzelne Systeme verbessern kann, um somit einen möglichst geringen Einfluss auf die Umwelt zu haben. Die Aufgabenstellung ist sehr frei gestellt worden und so hatten vor allem die indischen Studierenden, die klare Aufgabenstellungen gewohnt sind, zu Beginn ihre Schwierigkeiten. Der Schwerpunkt bei den Studenten liegt im Elektrotechnik- und Informationstechnologiebereich. Programmieren und Schaltungen zu entwerfen ist in diesem Bereich wichtig.

Nun lag es an der Gruppe diesen Bereich sinnvoll in das Projekt zu integrieren, da in Indien ein sehr praxisnahes Studieren stattfindet und somit Projekte meist am Ende mit selbst entwickelten Schaltungen, Modulen und Geräten abgeschlossen werden. Daher kam die Frage auf: Wie kann man in so einem Projekt dieses Gebiet integrieren? Effizienz ist im Bereich Ressourcenmanagement, ganz egal welche Ressource dies nun ist, von entscheidender Bedeutung. Smart Homes könnten in einem Dorf, gerade auch in Deutschland, entscheidend dazu beitragen, diese sinnvoll einzusetzen. Am Ende der ersten Woche wurden dann die jeweiligen Grundparameter für das einzelne Dorf vorgestellt. Über Studien und Erfahrungswerte konnte man für beide Dörfer Rahmenbedingungen festlegen, die es nun ermöglichen sollen, Einsparmaßnahmen, egal welcher Form, wissenschaftlich miteinander zu vergleichen.

Bei der Erhebung der Rahmenbedingungen zeigten sich schon gravierende kulturelle Unterschiede: Dass in Deutschland mit 12 Litern Trinkwasser die Toilette gespült wird, war für die Inder sehr verwunderlich. Ebenso, dass wir einen so enormen Energieverbrauch haben. Eine Spülmaschine, die für uns in Deutschland doch eher selbstverständlich ist, war bei den indischen Studenten zu Hause nicht die Norm. Eine Waschmaschine jedoch, so erklärte man uns, ist eine absolut normale Sache – auch in Indien. Dass man zum Duschen einen Eimer benutzt und hierfür kein fließendes Wasser hat, war für die Inder normal und bezüglich des empfundenen Komforts nicht bedenklich.

Das Projekt, jeweils 4 Deutsche und 4 Inder in einer Gruppe, soll Ende Februar, wenn die indischen Studenten in Deutschland sind, abgeschlossen werden. Bis dahin haben wir nun Zeit, in den jeweiligen Gruppen Lösungsansätze zu finden, wie die erklärten Ziele erreicht und umgesetzt werden können. 

Neben den Vorlesungen selbst gab es noch eine Exkursion zum Flughafen Cochin, welcher seine Elektrizität komplett aus Sonnenenergie gewinnt. Zwischen den einzelnen PV-Anlagen wird noch Obst und Gemüse angepflanzt, um die Landfläche möglichst optimal auszunutzen. Die Anlage ist sehr beeindruckend und zeigt was auf diesem Gebiet möglich ist. Am letzten Tag gab es einen gemeinsamen Ausflug auf einem Hausboot über die Backwater von Kerala. Dies war nicht nur landschaftlich enorm beeindruckend, es zeigte auch einmal mehr mit wie wenig die Menschen dort sehr glücklich leben. Als Beispiel seien hier die Reisbauern auf den Feldern zu erwähnen, die einer wirklich enorm harten Arbeit nachgehen und davon nur sehr schwer Leben können.

Diese Menschen sind so unglaublich freundlich und herzlich, dass ich durch diese Erlebnisse meine Meinung bezüglich sogenannten „Entwicklungsländern“ nur bestätigt sehe: Wenn ein Land als „Entwicklungsland“ bezeichnet wird, heißt es zunächst einmal nicht, dass sich dieses Land unseren Maßstäben anzupassen hat. Es befindet sich in einer Phase der Entwicklung. Da sich aber jedes Land zu jedem Zeitpunkt in einer Phase der Entwicklung befinden sollte, finde ich diesen Begriff sehr irreführend. Aber noch viel wichtiger und für mich entscheidender: Der Begriff impliziert eine Art Notwendigkeit der Hilfe von außen: „Wir müssen den Entwicklungsländern helfen“. Was dabei meines Erachtens oft übersehen wird: Wir sind alles Menschen und sollten immer voneinander lernen. Grenzen, Zäune und Barrieren sind immer nur in den Köpfen der Menschen. In der Realität gibt es sie nicht. Das bedeutet: Wir sollten als „Industrienation“ anfangen zu überlegen, was wir von diesen Menschen lernen können: Sinnvoller Umgang mit Ressourcen, überlegen was an Komfort wirklich notwendig ist und was in Deutschland vielleicht doch unnötig oder sogar übertrieben und verschwenderisch ist.

Denn wenn alle Inder so leben wollen, wie wir in Deutschland (oder in Amerika, oder in Frankreich…) dann brauchen wir, alleine um die Nachfrage nach Ressourcen (und hierbei spielt es keine Rolle um welche es sich genau handelt) zu decken, mehr als einen Planeten Erde. Und wir haben nur einen. Und zu guter Letzt: Wir können von den Indern nicht nur vieles über Sparsamkeit und Komfortfragen lernen. Vor allem können wir Spontanität, Freude am Leben und bedingungslos menschliche Gastfreundschaft lernen. Dieser absolut positive kulturelle Einfluss wäre Deutschland sehr zu wünschen.

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