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Praktikum am MNIT (4)

| Jonathan Englmeier | Indien Jonathan Englmeier

Donnerstagmorgen, 6:45 IST. Mein Wecker geht. Der große Rucksack ist schon gepackt, das Handgepäck fertig. Ich prüfe das Handtuch, es ist einigermaßen trocken geworden über Nacht. Ich packe den Kulturbeutel fertig, werfe mein eigenes Kissen (so viel Luxus musste sein), den Beutel, das Handtuch sowie die Hausschuhe in den Koffer - und bekomme ihn nicht zu. Mist! Ich hatte doch so viel aussortiert - ein paar durchgelaufene Schuhe, das Hemd mit dem Riss drin und die durchgewetzten zwei Hosen! Ich sortier nochmal um, jetzt liegt das Handtuch auf den Schlappen und der Kulturbeutel passt noch in eine Ecke. Mit etwas Gewalt bekomm ich den Koffer zu. Ich geh nochmal durch alle Schränke und über alle Ablagen - natürlich, das Duschgel vergessen. Ich stopf es in eine Seitentasche des Rucksacks ("hoffentlich läuft das nicht aus!") und bekomm auch da den Reißverschluss kaum zu. Ich werf das Ladekabel noch ins Handgepäck, geh ein weiteres Mal über alles drüber. Ich hab alles. Ich zieh die Weste und das Jacket an und werf einen letzten Blick in mein Zimmer, Nummer Sechs. Fünf Monate war ich hier. Tatsächlich werd ich einiges vermissen.

Am Tag zuvor war ich auch früh aufgestanden. Um Punkt acht Uhr indischer Zeit war ich schließlich, ohne Frühstück (stellte sich im Nachhinein als Fehler heraus) am Büro von Professor Dr.-Ing. Mathur gestanden. Meinen Bericht hatte ich am Dienstag fertig gestellt, das Zeugnis war gedruckt, nur seine Unterschriften darauf fehlten noch, denn er war zuvor wohl in Delhi gewesen. Ich hatte ihm eine Mail geschrieben, dass ich da sein würde, und seine Sekretärin hatte mir gesagt, er hätte üblicherweise vor dem Morgenmeeting eine halbe Stunde Zeit.

Und so wartete ich. War er vielleicht immer noch in Delhi? Der Flug oder Zug verspätet, ausgefallen? Sowas kann in Indien leicht mal vorkommen. Um 9:30 kam dann die Sekretärin aus dem Morgenmeeting. Der Herr Professor sei noch nicht da, sie wisse auch nicht mehr. Ich solle ins Labor gehen und auf Nachricht warten. Mittlerweile war elf durch und ich wurde nervös. I.D. merkte das wohl und sprach mich an: "Don't you have his mobile number?". Tatsächlich. Die hatte ich. Ich schrieb sofort die SMS, zehn Minuten später die Antwort. "I am there, pls come to my office."

Warum hatte ich mir überhaupt Sorgen gemacht? Natürlich bekam ich die Unterschriften, dazu ein kurzes Gespräch über meinen Aufenthalt. Das war‘s.

In Bestlaune stiefelte ich wieder ins Labor, lud alle zum Essen ins gehobene "Café Crazy Mojo". Klar, nicht ganz billig (normalerweise esse ich von knapp 4000 Rupien, ca. 50 €, zwei Wochen lang in Indien), aber ich wollte meine Freunde ja auch gebührend verabschieden. Der Laden hat eine große Auswahl an verschiedenen Küchen, und sogar der Kaffee ist gut, was in Indien leider eher selten ist. Ich hatte auch mit Pasta Cucina geliebäugelt (die vermutlich beste vegetarische Bolognese außerhalb Italiens und einer der wenigen Orte in Jaipur, an denen "Pizza" den Namen wert ist), aber die haben keine indische Küche. Das Essen war gut, die Stimmung auch und so verabschiedete ich mich ins Guesthouse zum Packen. Schon am Vortag hatte ich mich nach der ausstehenden Summe beim Guesthouse erkundigt, auf dem Weg hob ich am ATM (Geldautomaten) genug ab, um im Idealfall eine Punktlandung zu schaffen - Rupien nützen in Deutschland wenig.

Kleine Geschenke....

Donnerstag morgen, 7:45 IST

Ich werfe mir den großen Rucksack über die Schulter, schieb den Koffer auf den Flur, den kleinen Rucksack in der Linken sperr ich ein letztes Mal Zimmer Nummer 6 einhändig ab. Das schwere Vorhängeschloss wippt noch einen Moment an dem dicken Riegel, dann ist es still.

Auf dem Weg nach draußen nicke ich dem Wachmann zu, der lächelt, ob meiner Versuche den schweren Koffer einhändig die steile Rampe runterzufahren? Es gelingt.

Ich schiebe den Koffer den Gehweg entlang, die Pfauenmutter mit jetzt nur noch zwei Kindern (wo das dritte wohl hin ist?) weicht auf die andere Straßenseite aus. Wie die Kleinen doch gewachsen sind in den vergangenen 4 Monaten, seit ich sie das erste Mal gesehen habe! Am Anfang waren sie etwa Amselgroß, jetzt sind sie schon größer als Enten, fast so groß sogar wie Gänse (und mit deutlich längeren Beinen). Ich versuche mich an einem Foto, aber meine Aufmerksamkeit treibt sie sofort ins Gebüsch.

Ich betrete Guesthouse Nummer 1, stelle meine Sachen in der Lobby ab und gehe an die Rezeption.

Am Tag zuvor hatten sie mir im Labor Geschenke überreicht. Die Mädels hatten im Namen aller einen Buddhakopf in schwarzem Holz mit goldfarbenen Haaren besorgt. Natürlich habe ich mich überschwänglich bedankt, mich auch tatsächlich sehr gefreut. Paritosh hatte extra eine belgische Waffel von seinem Lieblingsladen für mich bestellt, mit extra viel Nutella, denn das mögen Deutsche doch. Ich musste schmunzeln ob solch hartnäckiger Vorurteile, aber auch darüber hatte ich mich wirklich gefreut. Abschließend machten wir noch ein Gruppenfoto. Ich hatte unüberlegterweise sogar einen WhatsApp-Status mit den Geschenken gepostet, woraufhin Raj aus dem Klimalabor, der am Vorabend schon zu seinen Eltern abgereist war, extra noch einen Kommilitonen zum selben Geschenkeladen schickte, um mir am Abend auch noch eine Statue einer indischen Göttin des Studierens und Lernens vorbeizubringen. Sie stammt vermutlich aus der gleichen Fabrik, denn die Machart ist sehr ähnlich. Um weitere Gottheiten zu vermeiden, postete ich diesmal keinen öffentlichen Status, sondern bedankte mich direkt.

Geldnöte

Donnerstagmorgen, 7:50 IST

Ich gebe dem Herrn an der Rezeption den Zimmerschlüssel, sage "Check out." Er völlig überrascht, offensichtlich hatte ihm niemand Bescheid gesagt. Er fängt wild das Blättern im Belegungsbuch an, erst nach Minuten findet er mich. Dann fängt er an, die Nächte zusammenzuzählen, benutzt dafür beide Hände. Schließlich den Taschenrechner.

"19950 Rupies, Sir.". Ich falle aus allen Wolken. Das sind 350 mehr als gedacht, knapp hundert mehr als ich habe. Ich zähle nochmal nach, er zählt das Geld, das ich, im Glauben, es stimme so, hingelegt habe. "It's not enough, Sir. 19950." Ich lege die 270 Rupien hin, die ich als Trinkgeld geplant hatte. Er zählt. "19950, Sir." Er hält die Scheine hoch, schüttelt den Kopf. Ich versuch es anders: "Credit card?". Er schüttelt den Kopf. "Not working." Wo krieg ich jetzt 80 Rupien her??

Ich schau auf die Uhr. Um Punkt acht wollte mich Dr. Vivekanand abholen. Noch 6 Minuten.

Am Tag zuvor hatte ich abends nochmal genau gerechnet. Ich hatte 20190 Rupien. Das Zimmer würde mich für die letzten vier Wochen 19600 kosten, so hatte es der Mann an der Rezeption gesagt. Wenn ich um die 200 bis 300 Rupien Trinkgeld geben wollte, durfte ich für etwa 300 Rupien Essen bestellen. Da ich recht früh zu Mittag gegessen hatte, durfte es jetzt gern etwas mehr sein. Ich scrollte durch die App von Swiggy, einem der beiden großen Lieferdienste in Indien. Ich entschied mich für Pasta Cucina, denn die haben gute Nudeln ohne allzu viel indischen "Einfluss", was bei Pasta klar von Vorteil ist. Wenn ich den Rabattcoupon benutzte, bekam ich für das Geld sogar zwei verschiedene Portionen Nudeln, dazu drei Scheibchen Knoblauch-Kräuter-Baguette und einen Eiskaffee. Nice! Der Lieferbote war zügig, das Knoblauchbrot sogar fast noch warm. Ich gab ihm 30 Rupien Trinkgeld.

Donnerstagmorgen, 7:57 IST.

Woher nehmen und nicht stehlen? Ich durchsuchte den Geldbeutel. Weitere 5 Rupien Kleingeld. Und natürlich knapp 22 Euro... Einen Versuch war es wert. Ich legte eine Euro Münze hin. "That‘s quite exactly 80 Rupies." Die Münze wurde durchaus beäugt. Ein Kollege wurde gerufen, der das fremde Geld auch sehen wollte. Aber akzeptiert wurde es nicht. Schließlich wurde es ihnen wohl zu viel Aufwand für das bisschen Geld. Ich durfte auch so gehen. Kaum verließ ich die Lobby, fuhr Vivek-Sir vor. Wir wuchteten die Koffer ins Auto, es ging los. Die kurze Fahrt zum Flughafen gefüllt mit Smalltalk, schließlich der kurze Abschied, ich solle doch mal wiederkommen. Vielleicht? Immerhin weiß ich jetzt von mir, dass ich in Indien klarkomme.

Zeitnot

Donnerstagmorgen, 8:15 IST

Am Flughafen ist ziemlich viel los. Die Schlangen sind ewig. Ich lasse mein Gepäck durchleuchten, es bekommt eine Banderole und ich bekomme es zurück. Ja, ich könnte jetzt die Bombe aus dem nicht durchleuchteten Handgepäck in den Rucksack packen, da ist schließlich nur das Hauptfach jetzt verplombt. Ich hoffe inständig, dass diese Sicherheitslücke nicht gerade heute genutzt wird. Ich reihe mich am Schalter der Airline ein. Auffällig viele Menschen, darunter das gesamte Sicherheitspersonal, tragen FFP2-Masken wegen des Coronavirus. Leider scheint ihnen keiner gesagt zu haben, wie man die Dinger richtig aufsetzt. Ein breiter Spalt an der Nase verhindert jede Wirkung. Ich glaube Glück zu haben: ein weiterer Schalter wird geöffnet. Ich stehe an zweiter Stelle hinter einem ca. 50-jährigen Herren mit italienischem Pass und zwei Kofferwagen. Und dann stehe ich. Und stehe.

Donnerstagmorgen, 8:52 IST.

Offensichtlich gibt es irgendwelche größeren Probleme mit dem Gepäck des Italieners, der in der Zwischenzeit auch noch vier indische Pässe gezückt hat.  Anscheinend handelt es sich um eine Familie, ein Kind ist wohl auf einen Rollstuhl angewiesen und irgendwas mit den Papieren stimmt nicht. Ich werde um mein Verständnis gebeten. Natürlich habe ich Verständnis, und es sind ja noch knapp 80 Minuten bis zum Abflug. Ich bleibe ruhig und bin besonders höflich.

Donnerstagvormittag, 9:02 IST

Ich bin dran! Alle anderen Schlangen sind mittlerweile fast weg. Ich wuchte Koffer und Rucksack auf das Band - und muss stutzen. 18 Kilo für den Rucksack? 20,1 für den Koffer? Auf dem Hinweg waren beide unter 15, und ich hatte ja Sachen aussortiert! So viele Mitbringsel waren das doch nicht gewesen? "I am sorry, but that's an extra charge, Sir." Wie schlimm soll es schon werden?

11750.25 Rupien oder knapp 140 € ärmer ("credit card accepted") war ich dann mein Gepäck los. Nur konnte mir jetzt der Schalter kein Ticket mehr drucken - er hatte schon wieder zugemacht. Also Pass und Handy nach links nebenan gegeben. "Today I ran out of luck, didn't I?". Was als Joke gedacht war - und vom Tonfall her auch klar so zu verstehen - führte zu einem ganz unerwarteten Ergebnis: "Can I offer you a free upgrade to business class for your troubles, Sir?"

Donnerstagvormittag, 9:10 IST

Ich bin in meinem Leben noch nie Business Class geflogen. Ich vibriere fast vor Vorfreude, auch wenn das Upgrade auf den ersten von zwei Flügen begrenzt ist. Ich geh durch die Sicherheitskontrolle, der Metalldetektor schlägt zwar ausnahmsweise mal nicht an (ist mir in Indien noch nie passiert, die laufen grundsätzlich auf der höchsten Stufe, da reichen meine Goldfüllung und der Reißverschluss an der Jeans meist schon aus), ich werde dennoch gefilzt. Dann an der "Bureau of Immigration"- Kontrolle: Lange Schlangen. Ich werd langsam nervös, das Boarding beginnt um 9:10 und endet (laut Boarding Pass) um 9:50. Ich stelle mich an.

Abflug mit Hindernissen

Donnerstagvormittag 9:20 IST

Ein Flughafenmitarbeiter geht die Schlange entlang und prüft die Karten. Ich bin etwas stolz auf den Silbernen "Business Class" Streifen an meiner. Ich solle mich doch nochmal hinsetzen, bis die Schlange kürzer werde.

Donnerstagvormittag 9:35 IST

Ich stell mich wieder an, da die Schlange nicht kürzer geworden ist.

Donnerstagvormittag 9:45 IST

Die Schlange nebenan auf der 2 ist weg, wir werden rübergeschickt. Unterhalte mich mit dem Inder vor mir, der ist auf dem Weg nach London, wo er als ITler arbeitet. Mir fällt auf, dass meine Brosche vom Revers verschwunden ist. Ist zwar nicht sehr wertvoll, aber sie stammte von meiner Urgroßtante, die vor 15 Jahren gestorben ist. War mein einziges Andenken. Geklaut oder verloren? Hatte ich sie vor der Sicherheitskontrolle nicht noch? Mist.

Donnerstagvormittag, 9:47 IST

Bin endlich dran. Zücke Reisepass mit der Visumsseite offen, hab auf dem Handy das PDF vom Foreigners Registration Office (FRO) auf. Der Zöllner nimmt beides und verlässt seinen Glaskasten ohne ein weiteres Wort. Ich steh da wie ein begossener Pudel. Stimmt was nicht? Ich seh ihn in den Glaskasten eines Kollegen steigen, beide zeigen auf mein Handy und wischen darauf herum. Dann geht mein Zöllner zu einem dritten Kasten. Darf ich jetzt überhaupt ausreisen? So langsam mach ich mir Sorgen. Ein vierter Zöllner wird herbeigewunken.

Donnerstagvormittag, 9:52 IST

Ein fünfter Zöllner tritt herbei, spricht ein Machtwort. Meiner kommt zurück in den Glaskasten. Das Problem: mein Visum geht noch bis Ende Februar, die FRO Registrierung aber nur noch bis morgen. Was denn der Grund für die Differenz sei? Ich schau nervös auf die Uhr.

9:55 IST

Ich erkläre, dass ich das Visum für eine längere Zeit ausgestellt bekommen habe, als ich es brauche, und ich auf diesem Visum nicht noch einmal nach Indien einreisen werde. Das muss jetzt nochmal dem aus dem zweiten Glaskasten mitgeteilt werden, dann fängt der Zöllner an, gemütlich in Druckbuchstaben meine Passnummer abzuschreiben C -  W - Y - ....

Ich schaue wieder nervös auf die Uhr.

10:01

Mittlerweile wird der Mensch in dem grünen Jacket von der Airline nervös. Ich mache den Fehler, den Zollbeamten auf die fortgeschrittene Zeit hinzuweisen. Er schaut auf, der Stift steht still. "Well, you might need some speed, then." Ernsthaft? Ich mein, ist schon eine coole Antwort, andererseits auch ziemlich unfreundlich. Ich lasse ihn weiterschreiben, und um

10:04

darf ich endlich zum Gate. Auf dem Weg wartet NOCH eine Security-Schleuse mit Metalldetektor und Abtasten sowie zwei weitere Boarding-Pass-Kontrollen. Ich fühle mich wie ein Hindernisläufer, als ich schließlich am Flugzeug ankomme. "Four minutes till doors close" sagt die freundliche Stewardess ins Mikro der Bordsprechanlage bevor sie mich begrüßt.

Ich lasse mich in den Ledersessel fallen, der Platz neben mir bleibt frei.

Ich hab mich kaum hingesetzt, da beginnt das Rollen. "A spiced coffee, Sir?" - aus einer versilberten, langhalsigen orientalischen Kanne bekomme ich Gewürzkaffee eingeschenkt. In‘s Porzellan.

Da die Rollbahn umgebaut wird, rollen wir auf der Startbahn bis zu deren Ende, das Wenden scheint recht knapp. Dann werde ich in den Sitz gepresst, die (entsteinte) Dattel noch im Mund, die mir die Stewardess an den Platz gebracht hat, und ich lehne mich zurück. Draußen rasen immer schneller Fahrzeuge, Häuser und staubige Flächen vorbei, und als wir schließlich abheben, sehe ich einmal mehr, wie viel trockener Rajahstan über die Monate geworden ist. Wo bei meiner Ankunft grüne Felder waren und Wasserflächen blitzten, ist alles staubig und braun. Ich bin auch etwas brauner geworden (was bei mir dennoch nicht viel ist) und so sehr ich mich auf zu Hause freue, so sehr werde ich Indien vermissen. Das Land mag einen spröden Charme haben, aber seine Leute sind das Gold des Landes. Ob ich wiederkomme? Vielleicht. Vermutlich. Bestimmt.

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