Wenn Vertrautes unheimlich wird: Medienkunst-Ausstellung im Stadtlabor+
Interaktive Medienkunstprojekte von Masterstudierenden der OTH Amberg-Weiden machten im Stadtlabor+ erfahrbar, wie künstliche Intelligenz zwischen Nähe, Vertrauen und Unbehagen wirkt. Bei der Vernissage in der vergangenen Woche wurden die Besucherinnen und Besucher selbst Teil der Inszenierungen.
„Was ist der Unterschied zwischen echtem Leben und programmiertem Verhalten?“ Mit dieser Frage eröffnete die Medienkunstausstellung „Uncanny Valley“ ein Spannungsfeld, das durch die zunehmende Verbreitung künstlicher Intelligenz immer stärker in unseren Alltag rückt.
Digitale Systeme kommunizieren mit uns, reagieren scheinbar einfühlsam und passen sich unseren Bedürfnissen an. Doch was geschieht, wenn das Vertraute plötzlich fremd erscheint? Wann schlägt Sympathie in Misstrauen und Nähe in Unbehagen um?
Zwischen Mensch und Maschine
Der Begriff „Uncanny Valley“, auf Deutsch häufig als „unheimliches Tal“ bezeichnet, beschreibt den Moment, in dem etwas künstlich Erzeugtes dem Menschen zwar sehr ähnlich erscheint, zugleich aber Irritation oder sogar ein Gruselgefühl auslöst. Eine mögliche Ursache ist psychische Unsicherheit. Menschen versuchen, ihr Gegenüber einzuordnen und Erwartungen an dessen Verhalten zu entwickeln. Bei menschenähnlichen Maschinen oder künstlichen Akteuren gerät diese Einordnung jedoch ins Wanken.
„Passt die Kreatur eher zur Kategorie Mensch oder zur Kategorie Maschine? Was ist von ihr zu erwarten? Geht Bedrohung von ihr aus?“, lauteten zentrale Fragen der Ausstellungseröffnung. In diesem Spannungsfeld zwischen Vertrauen, Sympathie und Unbehagen setzt die Medienkunst an. Sie liefert keine einfachen Antworten, sondern schafft Situationen, in denen die Besucherinnen und Besucher ihre eigene Wahrnehmung hinterfragen können.
Kunst, die Beteiligung verlangt
Die präsentierten Arbeiten waren interaktiv angelegt und entwickelten ihre Wirkung erst durch die Beteiligung des Publikums. Die Besucherinnen und Besucher mussten Entscheidungen treffen, auf Signale reagieren oder sich auf zunächst vertraut wirkende Situationen einlassen. Das Unbehagen entstand dabei nicht durch einen plötzlichen Schreckmoment. Vielmehr veränderte sich die Situation schrittweise, bis nicht mehr eindeutig war, wer handelt und wer kontrolliert wird. Zwei Beispiele:
„Objekt A“: Wenn eine Kommode zum Akteur wird
Diese Arbeit rückte einen scheinbar alltäglichen Gegenstand in den Mittelpunkt: eine Kommode. Im Verlauf der Inszenierung verlor das Möbelstück jedoch seine vertraute Funktion. Die Kommode wurde zum surrealen Objekt, zum eigenständig handelnden Akteur und schließlich zu einem Gegenüber, dessen Absichten nicht eindeutig erkennbar waren.
Damit stellte die Arbeit grundlegende Fragen nach Kontrolle und Wahrnehmung: Wer beobachtet hier wen? Wer reagiert auf wen? Und wer bestimmt den Verlauf der Situation? Wer hat Angst vor wem? Werden wir Teil einer Geschichte? Eine eindeutige Auflösung bot das Projekt bewusst nicht. Gerade diese Offenheit verstärkte das Gefühl, Teil eines Geschehens zu sein, dessen Regeln sich nicht vollständig erschließen.
„Connected Pulse“: Künstliche Empathie und schleichender Kontrollverlust
Ein weiteres Projekt begann mit einem vertrauten Kommunikationsritual an einem altmodischen Wählscheibentelefon. Dessen Innenleben war jedoch von einer modernen künstlichen Intelligenz übernommen worden. Zunächst entstand der Eindruck von Nähe und Aufmerksamkeit. Doch die Situation veränderte sich zunehmend. Die scheinbare Empathie des technischen Systems entwickelte sich zu einem Instrument der Einflussnahme. Der Mensch lieferte sich dem System dabei nicht nur kommunikativ, sondern auch körperlich, mit einem Pulssensor, aus. Aus einer zunächst angenehmen Interaktion entstand schrittweise eine ungleiche Machtsituation.
„Der Übergang von Nähe zu Unbehagen geschieht dabei nicht plötzlich, sondern prozessual“, hieß es während der Eröffnung. Gerade diese langsame Veränderung machte die Wirkung des Projekts aus: Die Grenze wurde erst wahrgenommen, nachdem sie bereits überschritten war.
Medienkunst als kritischer Blick auf KI
Die Ausstellung entstand im Rahmen des Kurses „Medienkunst“, der von den Professoren Dieter Meiller und Karlheinz Müller betreut wird. Das Seminar ist Teil des Masterstudiengangs Medientechnik und Medienproduktion der Fakultät Elektrotechnik, Medien und Informatik.
Die Arbeiten zeigten, wie sich technische Entwicklungen mit künstlerischen Mitteln untersuchen und erfahrbar machen lassen. Im Mittelpunkt standen dabei weniger die technischen Fähigkeiten künstlicher Intelligenz als vielmehr ihre Auswirkungen auf menschliches Verhalten, Vertrauen und persönliche Grenzen. So wurde das Stadtlabor+ für einen Abend zu einem Experimentierraum zwischen Kunst, Technologie und Psychologie, faszinierend, irritierend und manchmal bewusst unheimlich.



