Zwischen Familiengeschichte und Zukunftsstrategie: Die Reise einer Medienchefin
Wie fühlt es sich an, ein traditionsreiches Medienhaus durch Zeiten des Wandels zu führen? Und was bedeutet es eigentlich, heute „gerne Chefin“ zu sein? Antworten darauf gab Viola Vogelsang-Reichl bei der vergangenen „Ich bin gerne Chefin!“ / GründerinnenTALK-Veranstaltung im Coworking Kemnath.
Die Referentin Viola Vogelsang-Reichl wuchs buchstäblich im Medienhaus auf. Zu ihren frühesten Erinnerungen gehören der Fernschreiber, Zettel in der Hand und das Herumlaufen auf dem Vertragsgelände – ein Zuhause für sie als Kind, aber für die Belegschaft nicht immer stressfrei. „Meine Erinnerungen an das Unternehmen reichen weit zurück“, sagte sie – und doch war für sie früh klar, dass sie ihren eigenen Weg gehen wollte. Regionalredaktion in Bamberg, Germanistikstudium in München, ein Praktikum beim Burda-Verlag in London und journalistische Arbeit in Toronto: Stationen, die ihr halfen, gute von schlechter Führung zu unterscheiden. Besonders prägend war für sie die Erfahrung patriarchalischer Führung und damit die klare Erkenntnis, wie sie selbst nicht führen möchte.
Heute ist Viola Vogelsang-Reichl Teil einer dreiköpfigen Geschäftsführung mit unterschiedlichen, aber sich ergänzenden Kompetenzprofilen. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, eingebettet in eine Gesellschafterrunde aus fünf Personen. Führung bedeutet für sie nicht, alles allein zu entscheiden – sondern Verantwortung zu teilen. Über ihren langjährigen Mitstreiter sagt sie: „Er ist der Kopf des Unternehmens und ich bin das Herz.“ Dieser Ansatz prägt auch den
Umgang im Haus: Fragen sind ausdrücklich erwünscht, denn „es gibt keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten“.
Aufgrund der sich wandelnden Medienwelt, ist eine stetige Anpassung notwendig. Oberpfalz Medien steht heute für 80 Jahre „Der Neue Tag“, 30 Jahre Onetz und 10 Jahre Dachmarke. Diese Entwicklung war kein Selbstläufer. Prozesse wurden verkürzt, Stellen nicht automatisch nachbesetzt, Diversifikation bewusst vorangetrieben. Ein Schlüsselmoment in der Transformation war eine vorübergehende räumliche Veränderung während der Sanierung des Verlagshauses. Der Umzug wurde genutzt, um neue Arbeitsweisen zu testen – von Desksharing bis zu neuen Rollenmodellen. Was als Provisorium begann, öffnete den Raum für nachhaltige Veränderung. Der Beginn einer konsequenten Führungskräfteentwicklung brachte einen weiteren wichtigen Impuls.
Auch technologische Entwicklungen wurden offen angesprochen. Künstliche Intelligenz ist bei Oberpfalz Medien bereits Teil des Redaktionsalltags, etwa bei der Plattform „OberpfalzDaheim“, wo KI Zusammenfassungen vorschlägt, Begriffe filtert und potenziell problematische Inhalte markiert. Der Mensch bleibt in der Verantwortung – gewinnt aber Zeit für das Wesentliche: Recherche und Einordnung.
Die Referentin sprach nicht über schnellen Erfolg, sondern über Entscheidungen, Zweifel und Verantwortung. „Was wäre denn aus mir geworden, wenn ich diesen Weg nicht genommen hätte?“, fragte sie rückblickend. Ihre Antwort zeigte die ihr eigene Haltung: verwurzelt in der Region, offen für Veränderung und mit dem Mut, Führung neu zu denken. Das war kein Vortrag – das war Unternehmertum zum Anfassen.
Nach dem Vortrag wurde ein Raum geschaffen, in dem die Teilnehmerinnen sich individuell austauschen und vernetzen konnten. Die große Teilnehmerzahl von über 20 Frauen und der angeregte Austausch im Nachgang zeigten, dass der Abend Teil eines gelungenen Formats ist, dass auch zukünftig stattfindet.
